Moringa: der Baum mit Geschichte
Herkunft und Heimat
Der Moringabaum (Moringa oleifera) stammt ursprünglich vom indischen Subkontinent. Seine Urheimat liegt am Fuß des Himalayas, im Norden Indiens und in den angrenzenden Regionen. Auch in Teilen Afrikas ist er seit langer Zeit bekannt und verbreitet. Heute wächst er in vielen tropischen und subtropischen Gegenden der Welt, etwa in Indien, Sri Lanka, auf den Philippinen, in Mexiko sowie in Mittel- und Südamerika.
Dass der Baum so viele Länder erobern konnte, liegt an seiner Genügsamkeit. Er wächst schnell, kommt mit Hitze und langen Trockenzeiten gut zurecht und braucht wenig Pflege. Innerhalb weniger Jahre kann er eine Höhe von mehreren Metern erreichen. Seine Krone ist licht und schirmartig, die Blätter sind fein gefiedert, und im Frühjahr und Sommer trägt er zarte, cremeweiße Blüten. Aus ihnen entwickeln sich die charakteristischen langen, schlanken Schoten, die dem Baum viele seiner Namen eingebracht haben.
Ein Baum mit vielen Namen
Je nach Region heißt die Pflanze anders. Im Englischen spricht man vom „Drumstick Tree", dem Trommelstock-Baum, weil die Schoten an Trommelschlägel erinnern. Im Deutschen kennt man ihn als Meerrettichbaum oder Behenbaum. Auf den Philippinen heißt er „Malunggay", in Südindien „Murungai", in Sri Lanka „Murunga". In Westafrika, etwa im Norden Nigerias, kennt man die Pflanze unter dem Namen „Zogale". Diese Vielfalt der Bezeichnungen zeigt, wie tief der Baum in den jeweiligen Kulturen verwurzelt ist.
Der Meerrettichbaum und die Engländer
Zu seinem deutschen Namen kam der Baum durch die Wurzel. Frisch geerntet und gerieben, erinnert sie im Geschmack an Meerrettich, ist scharf und würzig. In der Kolonialzeit entdeckten die Engländer den Baum in Indien und nutzten die geriebene Wurzel als Ersatz für den in den Tropen schwer erhältlichen Meerrettich. So fand er auch in der englischen Küche vor Ort seinen Platz, und der Name „Horseradish Tree" ist bis heute geläufig.
Moringa in den Küchen der Welt
Wer verstehen möchte, warum Moringa vielerorts zum Alltag gehört, wirft am besten einen Blick in die Kochtöpfe.
Indien. In der indischen Küche, vor allem im Süden, sind die Schoten als „Drumsticks" ein vertrautes Gemüse. Sie werden in Stücke geschnitten und in Currys, Linsengerichten und dem klassischen Gemüseeintopf Sambar mitgegart. Beim Essen streift man das weiche Innere mit den Zähnen aus der faserigen Schote. Auch die Blätter werden als Blattgemüse zubereitet, oft kurz angebraten mit Zwiebeln, Senfsamen, Kokosraspeln und Gewürzen. Die Blüten kommen in manchen Regionen ebenfalls in die Pfanne.
Sri Lanka. Auf Sri Lanka gehören Moringa-Blätter und -Schoten zu den Zutaten vieler Gemüsecurrys. Die zarten Blätter werden zudem in Sambols verarbeitet, den würzigen Beilagen aus Kokos, Zwiebeln, Chili und Limette, die zu keinem Reisgericht fehlen dürfen.
Philippinen. Hier ist „Malunggay" ein echter Küchenklassiker. Die Blätter werden kurz vor dem Servieren in Suppen gegeben, am bekanntesten ist der Hühnereintopf Tinola mit Ingwer und grüner Papaya. Auch in Gerichten mit Kokosmilch oder in Rührei-Variationen findet man die grünen Blättchen. In vielen Haushalten steht ein Moringabaum im Garten, von dem man bei Bedarf frisch erntet.
Afrika. In verschiedenen Regionen Afrikas werden frische wie getrocknete Blätter als Gemüse und Würzzutat verwendet. Sie landen in Soups, Eintöpfen und Beilagen, werden gedämpft, gekocht oder zerrieben unter Speisen gemischt. Die Trocknung hat dabei einen praktischen Hintergrund: Getrocknete Blätter sind lange haltbar und lassen sich auch außerhalb der Erntezeit verwenden.
Weitere Regionen. Auch in Mittel- und Südamerika sowie in Südostasien hat sich der Baum in der Alltagsküche etabliert. Mancherorts werden sogar die Samen der Schoten geröstet oder gekocht gegessen, ähnlich wie Nüsse oder Erbsen.
Mehr als nur Küche: der Baum im Alltag
Moringa war nie nur eine Küchenpflanze. Aus den Samen wird das sogenannte Behenöl gewonnen, ein klares, sehr beständiges Öl. Es war schon in der Antike bekannt und wurde in alten Kulturen als Grundlage für Parfüms und Salben geschätzt. Auch als Schmieröl für feine Mechanik, etwa für Uhrwerke, kam es früher zum Einsatz, weil es kaum ranzig wird.
In manchen Gegenden Afrikas und Asiens werden zerstoßene Moringa-Samen traditionell auch zum Klären von trübem Wasser verwendet. Das zeigt, wie vielseitig der Baum im Alltag der Menschen genutzt wurde. Zudem dient er als Schattenspender, als lebender Zaun und als Futterpflanze. Ein Baum, der so viel gibt und so wenig verlangt, hat sich in Dörfern und Gärten schnell seinen festen Platz gesichert.
Traditioneller Gebrauch als Tee
Für den Genuss zu Hause hat sich die Zubereitung als Tee bewährt. Dafür werden die getrockneten Blätter verwendet:
Der Geschmack ist mild-herb, leicht grasig und erinnert an grünen Tee oder frisch gemähtes Gras, ohne dessen Bitterkeit. Wer es abwechslungsreicher mag, kann den Tee mit Zitronensaft, einer Scheibe Ingwer, etwas Honig oder frischer Minze verfeinern. Auch kalt aufgegossen, als Eistee mit Eiswürfeln und Zitrone, ist er an warmen Tagen erfrischend.
Weitere Ideen für die Küche
Wer sich von den traditionellen Rezepten inspirieren lassen möchte, kann die getrockneten Blätter, fein zerrieben, auch wie ein Würzkraut verwenden. Sie passen zu Suppen und Eintöpfen, werden in Reis- oder Linsengerichte gerührt, unter Kräuterquark gemischt oder zusammen mit anderen Gewürzen zu einer eigenen Mischung verarbeitet. Dabei gilt wie bei allen Kräutern: lieber vorsichtig dosieren und nach Geschmack steigern.
Aufbewahrung
Getrocknete Moringa-Blätter halten sich am besten trocken, dunkel und gut verschlossen, zum Beispiel in einer Dose oder einem Schraubglas. So bleiben Aroma und Farbe lange erhalten.
Ein Kraut mit langer Tradition
Moringa begleitet die Menschen in Asien und Afrika seit Generationen. Als Gemüse, als Würzzutat, als Tee und als vielseitiger Nutzbaum hat die Pflanze ihren Platz im Alltag vieler Kulturen gefunden. Wer Moringa zubereitet, greift damit auf eine Tradition zurück, die weit in die Vergangenheit reicht, und kann auf seine eigene Weise entdecken, wie dieses Kraut schmeckt.
Traditioneller Gebrauch: Tee (1-3 EL)